Vom Mehr zum Besser: Wie sich unsere Vorstellungen von Wohlstand verändern

Vom Mehr zum Besser: Wie sich unsere Vorstellungen von Wohlstand verändern

Vorabdruck eines Artikels von Orsolya Lelkes, der im Sustainable Austria # 90 (erscheint im August 2026) erscheinen wird.

Orsolya Lelkes ist Ökonomin. Wir freuen uns, dass sie beim SOL-Symposium den Arbeitskreis “Wohlstand und gutes Leben neu erzählen“ leiten wird!

„Work hard“ – und dann?

„Work hard“ – mit diesem inneren Leitsatz bin ich aufgewachsen.

Meine Eltern, heute über achtzig, wuchsen in Armut auf. Sie haben ihr ganzes Leben lang hart gearbeitet, ihr Ziel war klar: nie wieder existenzielle Unsicherheit. Sie haben ein großes Haus gebaut, etwas gespart – ihr Lebensplan ist erfüllt. Sie haben mehr als genug.

Und doch leben sie bis heute so, als wäre Knappheit allgegenwärtig: Sie sparen bei grundlegenden Dingen, vermeiden warmes Wasser beim Abwasch, kaufen möglichst billig ein.

Diese Generation ist geprägt von Mangel, Krieg und Unsicherheit. Ihr inneres Programm lautet: mehr ist besser – und genug gibt es nicht.

Und genau darin liegt ein Paradox: Selbst wenn das Ziel erreicht ist, stellt sich keine Entspannung ein. Kein Ankommen. Kein Genießen.

Ähnlich ist auch unser Wirtschaftssystem auf permanentes Wachstum ausgerichtet, während soziale und ökologische Belange oft als nachrangig gelten – oder sogar als hinderlich.

Die unsichtbaren Programme unseres Lebens

Wir alle tragen solche inneren „Lebensprogramme“ in uns. Sie entstehen aus Herkunft, Erfahrungen, Umfeld – und der Kultur, in der wir leben. Oft wirken sie im Autopilot-Modus: Wir hinterfragen sie nicht, sondern halten sie für selbstverständlich.

Doch viele dieser Überzeugungen dienen weder unserem eigenen Wohlleben noch dem der Gesellschaft – manche sind sogar destruktiv.

Die Mainstream-Ökonomie geht davon aus, dass Menschen rational handeln und selbst am besten wissen, was sie wollen – und dass diese Präferenzen respektiert werden sollten. Doch diese Wünsche entstehen nicht im luftleeren Raum: Ganze Industrien – Werbung, Marketing, soziale Medien – formen und verstärken sie gezielt.

Was wir für unsere eigenen Wünsche halten, ist oft Ergebnis subtiler Beeinflussung. Und doch können wir die Kontrolle zurückgewinnen – und unsere Bedürfnisse verändern.

Warum „mehr“ nicht zu einem besseren Leben führt

Ein Blick in die Forschung zeigt ein klares Bild.

Das Easterlin-Paradoxon beschreibt ein scheinbares Rätsel: Innerhalb eines Landes sind reichere Menschen im Durchschnitt glücklicher als ärmere. Doch wenn die Einkommen insgesamt steigen, wächst das Glück nicht im gleichen Maß.

Wie ist das möglich?

  • Gewöhnungseffekt: Wir gewöhnen uns schnell an ein höheres Niveau.
  • Soziale Vergleiche: Entscheidend ist auch, wie wir im Vergleich zu anderen dastehen – und die Maßstäbe steigen ständig.

Hinzu kommt: Nicht nur wie viel wir haben, zählt – sondern wofür wir es einsetzen.

Wer Geld in impulsiven Konsum, Glücksspiel oder andere kurzfristige Befriedigungen investiert, erlebt oft nur einen kurzen Kick – gefolgt von Ernüchterung.

Die Grauzone: Gutes Leben auf Kosten anderer?

Komplexer wird es dort, wo Konsum tatsächlich Freude bringt – aber gleichzeitig Schaden verursacht. Eine Yogareise nach Indonesien. Günstige Mode, produziert unter fragwürdigen Bedingungen. Diese Dinge können Erlebnisse, Schönheit und Inspiration bieten. Warum sollten wir darauf verzichten?

Hier zeigt sich das eigentliche Dilemma unserer Zeit: Viele Wege zu persönlichem Wohlbefinden sind ökologisch oder sozial nicht tragfähig.

Vom Mehr zum Besser

Wenn „mehr“ nicht funktioniert – was dann?

Forschung zeigt: Materialistisch orientierte Menschen sind tendenziell weniger glücklich und anfälliger für psychische und körperliche Belastungen. Postmaterialistische Werte hingegen – bei denen Geld nicht Maßstab des eigenen Wertes ist, sondern Mittel für übergeordnete Ziele – führen zu nachhaltigerem Glück und Sinn.

Wir brauchen eine neue Vorstellung von Wohlstand – eine, die sich an Lebensqualität statt an Wachstum orientiert.

Wohlstand bedeutet nicht einfach materiellen Besitz. Entscheidend ist, was dieser Besitz mit uns und mit anderen Lebewesen macht.

Ein gutes Leben entsteht nicht durch Anhäufung, sondern durch bewusste Wahl.

Nachhaltiger Hedonismus: Eine andere Erzählung vom guten Leben

(Das Wort Hedonismus stammt aus dem griechischen hēdonē, was so viel bedeutet wie Lust, Freude oder Genuss.)

Hier setzt das Konzept des nachhaltigen Hedonismus an. Es knüpft an die antiken Wurzeln des Hedonismus an, die heute oft verkürzt und missverstanden werden. Ursprünglich ging es nicht um maßlose, egoistische Lustsuche, sondern um die Kunst, ein gutes Leben durch bewusstes, kluges Genießen zu führen.

Nachhaltiger Hedonismus versteht sich als zeitgemäße Weiterentwicklung dieser Idee: Er verbindet Lebensfreude mit Verantwortung. Es geht darum, das Leben zu genießen – ohne anderen Menschen oder der Umwelt zu schaden.

Sowohl antike Philosophen als auch die moderne Forschung zeigen, dass unsere Wünsche und Gewohnheiten nicht festgegeben sind. Sie werden geprägt – und können daher auch verändert werden. Wir können lernen, unsere Lustquellen bewusst zu wählen: nicht im Sinne von Verzicht, sondern im Sinne von Qualität, Verbundenheit und langfristigem Wohlbefinden.

In der Praxis zeigt sich das etwa in bewusstem Konsum, regionalem Reisen, gemeinschaftlichen Wirtschaftsformen oder Achtsamkeit. Nachhaltigkeit erscheint hier nicht als Einschränkung, sondern als Gewinn an Lebensqualität.

Es gibt zunehmend empirische Hinweise darauf, dass ein Wandel hin zu nachhaltigen Lebensstilen, die Beteiligung an einer solidarischen Ökonomie und das Teilen von Ressourcen zu mehr – und nicht zu weniger – Lebenszufriedenheit führen.

Ein blühendes Leben

Noch einen Schritt weiter geht die Idee des „blühenden Lebens“ (eudaimonia), wie sie auf Aristoteles zurückgeht. Genuss ist Teil eines guten Lebens – aber nicht sein einziges Ziel. Im Zentrum steht ein gelingendes, sinnvolles Leben:

  • bewusstes Handeln
  • Entwicklung von Stärken und Tugenden (z. B. Mut)
  • Beiträge zum Wohl anderer

In diesem Verständnis sind wir keine isolierten Individuen, sondern Teil von Gemeinschaften. Glück entsteht in Beziehungen – und wächst, wenn wir auch das Leben anderer bereichern. Das Wohlergehen anderer ist dabei kein Nebeneffekt, sondern Teil unseres eigenen Glücks.

Das kann bedeuten:

  • neue Fähigkeiten zu lernen
  • sich zu engagieren
  • Verantwortung zu übernehmen

Was jetzt zählt

Wir stehen vor einer doppelten Herausforderung: Wir müssen lernen, sowohl gute Verwalter unseres Planeten als auch unseres eigenen Wohlbefindens zu sein.

Das bedeutet:

  • bewusster zu wählen, was uns wirklich guttut
  • Gemeinschaften zu schaffen, die uns dabei unterstützen
  • neue Geschichten über das gute Leben zu erzählen

Der nächste Entwicklungsschritt unserer Gesellschaft liegt nicht im Mehr – sondern im Besser.

Mein Buch “Nachhaltiger Hedonismus. Ein glückliches Leben kostet nicht die Welt” entfaltet diese alternative Erzählung eines guten Lebens – fundiert in antiker Philosophie, moderner psychologischer Forschung und kritischer Sozialwissenschaft. Es lädt dazu ein, den „Autopiloten“ unserer Überzeugungen bewusst zu hinterfragen und neu auszurichten. Für jene, die sich bereits auf diesem Weg befinden, bietet es Vertiefung, Bestärkung und neue Argumente.

Viele dieser Veränderungen können wir bewusst gestalten – andere verlangen eine feinere Arbeit an den weniger bewussten Schichten unserer Psyche. Dafür brauchen wir Lern- und Erfahrungsräume für Erwachsene: Orte, an denen wir die inneren Kräfte erkunden können, die unsere Entwicklung behindern – und jene, die sie tragen und ermöglichen.

ISBN 978-3991258643, 28 €. Bitte beim Buchschmiede Verlag bestellen!